Die älteste Zivilisation der Menschheit Verborgen – Vergraben – Vergessen

Ein Bericht von Gabriele Lukacs

In Südost-Anatolien, 15 Kilometer von der Provinzhauptstadt Şanlıurfa entfernt, erstreckt sich auf einem Höhenrücken die bedeutendste archäologische Ausgrabung des letzten Jahrhunderts: Göbekli Tepe, eine prähistorische Kultanlage mit dem unfassbaren Alter von 12.000 Jahren.

Zufällig entdeckt 1994 von einem kurdischen Schafhirten, wurde anschließend dort vom 2014 verstorbenen deutschen Archäologen Klaus Schmidt ein riesiger Tempelbezirk mit rätselhaften Steinsäulen ausgegraben. Unter der Erde des Göbekli Tepe, des „bauchigen Bergs“, befinden sich Dutzende bis zu 7 Meter hohe, kunstvoll verzierte, T-förmige Stelen und konzentrische Steinmauern.

Sie stammen aus dem vorkeramischen Neolithikum, also der Jungsteinzeit, bevor die Töpferei erfunden wurde. 6.000 Jahre älter als Stonehenge und 7.000 Jahre vor den großen Pyramiden errichtet von einem unbekannten Volk, das – entsprechend unserer Geschichtsauffassung – noch nicht einmal sesshaft war, geschweige denn kunstvoll verzierte Steintempel hätte errichten können.

Je tiefer die Archäologen vordringen, umso erstaunter sind sie über die gewaltige Leistung dieses unbekannten und rätselhaften Steinzeitvolkes.

Wie konnte eine nomadische Gesellschaft solch vollendete Bauwerke errichten? Wer hat das organisiert, betreut und die Bauarbeiten überwacht? Nach welchem Vorbild wurde gearbeitet? Wie wurden 50 Tonnen schwere Steinblöcke aus den Steinbrüchen gebrochen und zum 20 Kilometer entfernten Bauplatz transportiert? Waren hier doch ganz andere Mächte am Werk, als wir glauben? Kann alles ganz anders gewesen sein, als uns das gängige Geschichtsbild erzählt?

Die Mystery-Reporterin Gabriele Lukacs war vor Ort und berichtet von Entdeckungen, die unser Geschichtsbild über die Steinzeit komplett verändern werden.

Göbekli Tepe – ein prähistorisches Mekka oder das Stonehenge von Anatolien

Göbekli Tepe, ein künstlicher Hügel bei Urfa (Şanlıurfa), birgt Geheimnisse, die selbst nach 25 Jahren Ausgrabung noch immer nicht gelüftet sind. Nach 18-monatiger Schließung und umfassender Neuerrichtung des Besucherbereichs wurde die Ausgrabungsstätte im April 2018 wiedereröffnet.

In Ost-Anatolien, im so genannten fruchtbaren Halbmond Mesopotamiens, machte der 2014 verstorbene Prähistoriker Dr. Klaus Schmidt vom Deutschen Archäologischen Institut die – wie man zurecht betitelte – „größte archäologische Entdeckung des Jahrhunderts“: nämlich die Entdeckung der ältesten Zivilisation der Welt. Genauer: 12.000 Jahre alte Tempel, vergraben unter einem aufgeschütteten Erdhügel, dem Göbekli Tepe.

Seit 1998 wird dort gemeinsam mit der türkischen Harran-Universität gegraben und Unglaubliches zutage gefördert: Tempelbezirke mit kreisrunden Umfassungsmauern, 7 Meter hohe, T-förmige Pfeiler mit kunstvollen Tier- und Menschen-Reliefs, mit Kalk verputzte Wände und blankpolierte Terrazzoböden. Errichtet von „in Höhlen sitzenden und Mammut jagenden“ Steinzeit-Primitiven? Wohl nicht, aber wie war es dann?

Göbekli Tepe – die älteste Zivilisation der Welt  

Die Autorin und ihr Mann wollten diesen Fragen nachgehen und reisten über Istanbul nach Şanlıurfa, einer seit 8.000 Jahren historisch bedeutenden Stadt in Ost-Anatolien. 16 Kilometer östlich befindet sich der Göbekli Tepe, der „bauchige“ Hügel.

Staunend blickten wir vom neuen Besuchersteg 15 Meter tief in diese beindruckende Tempelanlage mit ihren Steinmauern und T-Pfeilern. Ein ganzer Tempelbezirk mit bislang vier Anlagen wurde von den Archäologen freigelegt. Er war unter dem Schutt der Jahrtausende verborgen, ja, absichtlich vergraben vor ca. 8.000 Jahren, mit Tonnen von Steinen und Erde zugeschüttet. Von wem? Und warum?

Diesen Fragen gehen die Wissenschaftler nun seit 25 Jahren nach und entdecken mehr und mehr faszinierende Fakten über die Steinzeit, die alles Bekannte über den Haufen werfen.

Rätselhafte T-Pfeiler – Götter, Ahnen oder göttliche Ahnen?

Eine Wortschöpfung ist seit der Entdeckung von Göbekli Tepe zum Begriff geworden: nämlich die Bezeichnung „T-Pfeiler“ für die 44 bisher ausgegrabenen Stein-Stelen mit querliegenden Abschlussbalken. Sie sind – laut dem Chef-Ausgräber Dr. Klaus Schmidt – anthropomorph, also menschenähnlich, und sollen Menschen, Wesen oder Götter darstellen.

Der gesichtslose Querbalken soll der Kopf sein und der stehende Längsbalken den Körper zeigen. Aus dem Fehlen eines Gesichts leiten manche Forscher die Möglichkeit ab, dass es sich generell um die Ahnen handelt, die in den Tempeln verehrt wurden. Dem spricht entgegen, dass keine Skelette dieser Vorfahren gefunden wurden. Die letzten Funde im Jahr 2017 werfen allerdings wiederum ein neues Licht auf die Rituale im Steinzeit-Tempel.

„Es handelt sich um mehr als 400 Fragmente menschlicher Schädel, von denen 40 postmortale Bearbeitungsspuren zeigen: Flache Schnitte deuten darauf hin, dass die Köpfe der Toten nachträglich abgetrennt und von Haut und Fleisch befreit wurden“, berichten Julia Gresky und ihre Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut.

Wer sind sie nun diese anonymen Statuen? Sind es eventuell Götter, denen man solche Verehrung entgegenbrachte? Schmidt selbst bezeichnete sie: „als nicht von dieser Welt, als kämen sie von einer anderen Welt“. Deutlich herausgearbeitet sind jedenfalls Arme, Hände und auch manchmal Gürtel, Schurze und ähnliche Attribute. Aus dem eindeutig erkennbaren Lendenschurz auf einigen Figuren schließen die Ausgräber auf männliche Figuren.

Eine interessante Frage wird nicht nur in der Archäologie kontrovers diskutiert. Schmidt formuliert sie so: „Die Frage, seit wann mit anthropomorph gedachten Göttern zu rechnen ist, ob es gleichsam als Vorstufe theriomorphe Götter (Götter in Tiergestalt, Anm. d. Verf.) gab oder ob Menschengestaltige oder Tier-Mensch-Mischwesen den Beginn der Gottesvorstellungen markieren“. Eine interessante Feststellung über den Beginn der Götterverehrung, die auch die Anhänger der Paläo-Seti-These aufhorchen lässt.

Seltsame Tier-Reliefs in großer Zahl – Piktogramme? Sternkonstellationen?

Auffallend sind die Tierreliefs, die in großer Zahl sämtliche Pfeiler schmücken. Diese sind es, die zu vielen Interpretationen Anlass geben. So meint man, es seien Piktogramme, die auf Charaktereigenschaften hinweisen: der schlaue Fuchs, die listige Schlange und der starke Eber. Andere wiederum sehen im Skorpion oder Stier die gleichnamige Sternkonstellation und damit einen Hinweis auf die Herkunft der sogenannten Götter.

Eine gewagte Interpretation über eines der Tiere stammt von Wayne Herschel, einem südafrikanischen Mystery-Autor. Er meint, dass es möglicherweise eine Riesenechse oder ein Saurier an der Leine eines Menschen sein könnte. Diese wollten wir uns genauer ansehen.

Insbesondere geht es um die Stele Nr. 43 in der Kreisanlage D, die rundum übervoll mit den verschiedensten Tieren verziert ist. Darunter ein Geier, der eine Kugel balanciert, ein Skorpion und eine leider unvollständige Riesenechse neben einem kopflosen Menschen. In der Tat scheinen die beiden zusammenzugehören. Ob an der Leine oder nicht, konnten wir leider nicht feststellen. Die Frage, woher der Relief-Künstler die bereits ausgestorbenen Dinosauriern kennen sollte, bleibt ebenso unbeantwortet.

… und schon wieder die seltsamen „Handtaschen“

Nicht nur die Tiere geben Anlass zu mancherlei Spekulation, sondern auch die sogenannten „Handtaschen“-Darstellungen. Diese sind nicht neu, wir kennen sie auf Steinreliefs der sumerischen Götter und genauso in La Venta/Mexico, also aus den unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten.

Sind es tatsächlich Täschchen? Oder Behälter für etwas offenbar Wichtiges, das die Götter immer bei sich tragen mussten? In Göbekli werden sie nicht in der Hand getragen, sondern sind ganz oben auf der Stele 43 dargestellt. Welches Geheimnis sie beinhalten, konnten auch wir nicht herausfinden.

Göbekli Tepe – der Nabel der Welt

Der bauchige Hügel oder korrekt übersetzt aus dem Türkischen „der Nabelhügel“ birgt schon in seinem Namen die Bedeutung dieses Platzes: nämlich, der Nabel der damaligen Welt zu sein, wo die Zivilisation begann.

Hier liegt unter Tonnen von Stein und Erde eine völlig unbekannte, vorkeramische neolithische Kultur begraben, die – entgegen der gängigen Geschichtsauffassung – keine sesshafte Ackerbaugesellschaft, sondern noch immer eine nomadische Jäger- und Sammlergesellschaft war. Der Nabelberg scheint ein Pilgerzentrum, ein Mekka der Steinzeit oder das Stonehenge von Anatolien, gewesen zu sein. Hier kam man in der Sommersaison zusammen, errichtete Tempel, feierte und zog dann weiter. Erst langsam hat sich hier der Übergang zu Ackerbau und Viehzucht entwickelt.

Überraschend – und unser gängiges Geschichtsbild auf den Kopf stellend – ist die Tatsache, dass diese Gesellschaft Religion, Kult, Verehrung und Tempelbau ausübte und dann erst mit Ackerbau und Viehzucht begann. Und nicht umgekehrt! Bisher dachte man, die Menschen mussten erst sesshaft werden und Nahrung produzieren, bevor sie daran dachten, Tempel für die Verehrung der Götter zu bauen. Völlig falsch! Göbekli Tepe lehrt das Gegenteil. Erst kamen die Tempel, dann alles andere.

Waren die Götter die ersten Lehrmeister von Adam und Eva?

Wer war dieses unbekannte Volk? Woher kamen sie? Wer leitete sie an, astronomisch ausgerichtete Tempelgebäude mit gewaltigen Säulen zu errichten, Gebäude mit Unterkonstruktionen, Terrazzoböden aus gebranntem Kalk und verputzten Wänden? Alles aus Stein, Holz, Fasern, aber ohne Keramik oder Metall.

Und – noch rätselhafter und unverständlicher – warum haben sie ihre Kultplätze nach 2.000 Jahren wieder zugeschüttet? Unter 15 Meter hohem Steinschotter und Erde absichtlich begraben, sodass wir heute nur mehr Gras überwachsene Erdhügel vorfinden.

Im 10. Jahrtausend vor Christus gab es einen deutlichen kulturellen Entwicklungsschub, so die übereinstimmende Überzeugung der Historiker. Dieser auffallende „Schub“ führte zu gravierenden Veränderungen in den Bereichen Ernährung, Wohnen, Zusammenleben bis hin zum Imaginären. Gab es eventuell Lehrmeister, die diesen Schub ausgelöst und ihr Wissen weitergegeben haben? Sind es die Götter, die vom Himmel kamen und die wir aus den weltweit übereinstimmenden Schöpfungsmythen kennen?

Einigen Forschern zufolge ist mit den Funden in Ost-Anatolien der Schöpfungsmythos von Adam und Eva zur historischen Tatsache geworden. Demnach wurden die „ersten Menschen“ aus ihrem Jäger- und Sammler-Paradies vertrieben und mussten ab nun als Ackerbauern und Viehzüchter (für die sogenannten Götter) schuften. „Im Schweiße eures Angesichts sollt ihr euer Brot essen“, heißt es in der Bibel. 

Die ältesten Schriftzeichen der Welt

Haben sie sich diese Götter eventuell auf den T-förmigen Stelen verewigt? Haben sie ihre Zeichen und Symbole hinterlassen? Haben sie den Menschen gar die Schrift gebracht?

Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden konnten. Über eines sind sich die Archäologen zumindest einig: über die Tierdarstellungen auf den Pfeilern. Es sind solche Tiere, die auch tatsächlich in dieser Gegend heimisch sind. Weniger Übereinstimmung gibt es allerdings über ihre Bedeutung. Sind es Totem-Tiere des jeweiligen Clans, sind es Eigenschaften, die ein Fuchs, eine Schlange, ein Vogel verkörpern?

Oder werden hier zusammen mit den verschiedenen Symbolen ganze Geschichten erzählt? Dann nämlich hätten wir hier bereits die Vorläufer einer Schriftkultur. Das aber wäre eine revolutionäre Errungenschaft einer nomadischen Gesellschaft. Die ersten Schrifttafeln kennen wir erst 6.000 Jahre später von den Sumerern – interessanterweise aus derselben Gegend: dem fruchtbaren Halbmond Mesopotamiens.

Wir sahen uns die Zeichen genauer an – und staunten nicht schlecht, denn auf einigen Pfeilern sieht man Symbole, die unseren heute gebräuchlichen verblüffend ähnlich sind: Kreise, Spiralen, Wellenmuster, Sonne, Mond und Sterne. Und dann sind da noch Zeichen, die unserem lateinischen Alphabet ähneln: die Buchstaben C, ein aufrechtes und ein liegendes H und ein O bzw. Doppelkreis-Symbol – angeordnet wie die Worte in einem Satz. Das sind verstörende Piktogramme. Eventuell gar ein zwölftausendjähriges Nachrichtensystem?

„Das ist ein heißes Eisen. Da bin ich sehr zurückhaltend. Die Erbauer vom Göbekli Tepe hatten und nutzten einen komplexen Symbolschatz, mit dem Nachrichten formuliert und hinterlassen werden konnten. Nur von Schrift reden wir noch nicht“, äußerte sich Klaus Schmidt in einem Interview für „Die Welt“ im Jahr 2006. Mittlerweile hat das Deutsche Archäologische Institut neue Forschungsprojekte ausgeschrieben, die zu einem differenzierteren Ergebnis kamen.

So vertritt der deutsche Archäologe und Altorientalist Ludwig Morenz eine gewagte These über dieses frühneolithische Zeichensystem. Für ihn sind die T-Stelen eine „versteinerte Ursprungserzählung“ und daher „12.000 Jahre alte Texte“. Die Bildzeichen sind Vorläufer von Schriftzeichen, denn sie stellen nicht das Abbild selbst dar, sondern transportieren einen Inhalt, eine Botschaft. Je abstrahierter das Zeichen, desto mehr nähert es sich einer Schrift.

In diesem Sinne können die Zeichen und Symbole „als Namenstäfelchen interpretiert werden, die den T-Pfeilern eine bestimmte Identität zuschreiben und somit diese stilisierten anthropomorphen Gestalten spezifischer personalisieren“, schreibt Morenz über die sogenannten „kleinen Zeichen“.Hier auf dem Göbekli Tepe könnte sich der Übergang von der ikonischen zur phonetischen Schrift vollzogen haben.

Bis heute sind vier Tempel mit 44 Stelen ausgegraben und weitere 25 vermessen. Das ist aber nur ca. 20 Prozent des Kult-Areals, das mittels Laserscans festgestellt wurde. Mindestens 20 solcher Tempel mit Hunderten von Stelen ruhen noch unangetastet unter der Erde. Und wer weiß, wie weit sich dieser gigantische Tempelbezirk unter der anatolischen Erde des fruchtbaren Halbmonds noch erstreckt?

Literaturquelle zur Schrift von Göbekli Tepe:

“Medienevolution und die Gewinnung neuer Denkräume: Das frühneolithische Zeichensystem (10./9. Jt. v. Chr.), Ludwig D. Morenz, EB-Verlag, 2014 

http://www.porz-illu.de/content/die-%C3%A4lteste-schrift-der-welt

https://www.researchgate.net/publication/235799840_Materialien_zur_Deutung_der_zentralen_Pfeilerpaare_des_Gobekli_Tepe_und_weiterer_Orte_des_obermesopotamischen_Fruhneolithikums

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