Ein Bericht von Gabriele Lukacs

Nach wochenlangen Recherchen gelang es der Mysteries Reporterin Gabriele Lukacs im Juli 2014, Zutritt zu den Resten der legendären Padre-Crespi-Sammlung in Cuenca/Ecuador zu bekommen. Vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen, liegen dort Metallplatten, Holzobjekte und Knochenschnitzereien mit rätselhaften Darstellungen einer unbekannten Zivilisation.

Im Sommer 2014 veranstaltete die Stadt Cuenca in Ecuador eine Ausstellung über das Leben und Wirken des Salesianer-Paters Carlo Crespi (1891-1982). An drei Orten der Stadt, und zwar im Kloster Las Conceptas, im Museum Todossantos und im Nationalmuseum Pumapungo, waren Gegenstände aus dem Besitz und Dokumente über den aus Italien stammenden Missionar und Forscher ausgestellt. Eine seltene Gelegenheit, die legendäre Sammlung des Padre Crespi mit eigenen Augen zu sehen – dachten wir (mein Mann und ich) – und machten uns auf nach Ecuador in die Welterbe-Stadt Cuenca.

Dort angekommen, mussten wir aber feststellen, dass die Ausstellung mitnichten jene rätselhaften Objekte zeigte, weswegen wir gekommen waren. Zu sehen bekamen wir Monstranzen, Paramente und andere kirchliche Objekte aus dem Crespi-Besitz sowie Filme von und über den Pater. Einige wenige antike Objekte seiner einst riesigen Sammlung von Statuetten und Tongefäße aus vorchristlicher Zeit werden im Nationalmuseum ausgestellt.

Eine Odyssee auf der Suche nach der Crespi-Sammlung

Enttäuscht, die weite Reise umsonst unternommen zu haben, wandte ich mich an den Direktor des Nationalmuseums. So einfach geht das aber nicht in Lateinamerika. Nachdem wir aber nicht locker ließen und unser Anliegen mit Dringlichkeit und unserer weiten Anreise begründeten, hatte der Museumsdirektor ein Einsehen. Er reichte uns an den Chef der Restaurierungs-Abteilung weiter. Das war unser Glück, denn für den Restaurator waren wir offenbar wichtige Gäste, Experten aus dem fernen Europa, die vom Direktor persönlich zu ihm geleitet wurden. Er öffnete bereitwillig seine Schatzkammer und holte schier unglaubliche Kunstobjekte aus den Tresoren.

Silber- und Goldtafeln in der Banco Central von Cuenca

Uns blieb der Mund offen vor Staunen über die Fülle an getriebenen Silberblechfolien, Kupferkronen,  Holzfiguren, Steinbearbeitungen und undefinierbaren Artefakten, für die es keine Erklärung gibt. Sogar eine bandagierte Mumie im Holzsarg stand mitten in der Werkstatt, bereit, untersucht zu werden. Das skurrilste Objekt war jedoch ein Christuskopf, eine Mischung aus verschiedenen Materialien aus unterschiedlichen Zeitepochen. Das Christushaupt ein Schrumpfkopf mit Echthaar, darauf eine Goldfolienkrone, eingelegt  in schwarzem Ebenholz und umrahmt von einer getriebenen Kupferfolie mit den merkwürdigsten Darstellungen von Tier-Mensch-Gesichtern. Herkunft und Alter unbekannt.

Der Restaurator bemühte sich redlich, unsere Fragen zu beantworten, musste allerdings passen. Man wisse leider nicht, woher diese Objekte aus der Crespi-Sammlung genau stammen, noch ließe sich eindeutig feststellen, aus welcher Zeitepoche. Denn meist seien die Gegenstände aus antiken und zeitgenössischen Teilen zusammengesetzt. Es fehle aber dem Museum an Geld und Experten, um jedes Stück analysieren zu können. Padre Crespis Aufzeichnungen sind leider verschwunden und so beschränkt man sich auf die Konservierung der gelagerten Schätze.

Zu unserem Erstaunen durften wir alles fotografieren – außer den Restaurator selbst, er wollte bescheiden im Hintergrund bleiben. Dafür rollte er eine Silberfolie nach der anderen vor unseren Augen aus dem Seidenpapier. Über 4 Meter lang und 1 Meter breit, vollständig mit Gesichtern, Figuren, Tieren und Mustern verziert, getrieben in das dünne Silberblech. Eine fantastische Welt aus rätselhaften Kreaturen tat sich vor unseren Augen auf. Darstellungen, die kein irdisches Gegenstück haben, nur der Fantasie entsprungen zu sein scheinen. Sind es etwa Aliens, Mischgeschöpfe oder schamanische Trancefiguren? Wir konnten uns kaum losreißen von der randvoll gefüllten Restaurierungs-Werkstatt.

Nun wagte ich die unverschämte Frage nach dem Verbleib der Goldschätze aus der Crespi-Sammlung. Zu meiner abermaligen Überraschung bestätigte der Restaurator die Tatsache, dass die Nationalbank die Goldtafeln angekauft hat, und zwar zusammen mit jenen Artefakten, die wir soeben gesehen hatten. Der Goldschatz lagert jedoch unter Verschluss im Tresor der Banco Central von Cuenca und wird nicht gezeigt. Schade, wir hätten ihn doch zu gerne gesehen. Wir wurden aber getröstet mit dem Hinweis, dass es noch mehr Metallplatten der Crespi-Sammlung gäbe. Nur nicht hier in der Banco Central. Wo genau, wusste der Restaurator nicht, gab uns aber einen Geheimtipp. Wir sollten mal im Kloster Maria Auxiliadora nachfragen.

Die Suche nach der Crespi-Schatzkammer

Gesagt, getan. Wir besuchten das Salesianer-Kloster Maria Auxiliadora, in dem der Missionar, Menschenfreund  und Heilige, Padre Crespi, von 1923 bis zu seinem Tod 1982 tätig war. Dort gab man sich jedoch unwissend, meinte die Sammlung an Kunstgegenständen sei an jenen drei Orten zu finden, die als Ausstellungsorte derzeit öffentlich zugänglich wären. Wir verneinten, denn dort waren wir ja anfänglich zu unserer großen Enttäuschung. Dann meinten hilfreich um uns versammelte Einheimische, wir sollten doch ins Nationalmuseum gehen.

Da wir aber gerade von dort kamen, ließen wir uns nicht weiter im Kreis schicken und beharrten auf unserem Anliegen, genau hier im Kloster die Metallbibliothek sehen zu wollen. Mit einer Spende von 20 Dollar für „das Kloster“ und der Bitte, für uns drei Vaterunser zu beten, bestärkten wir unsere ehrlichen Absichten. Und siehe da: Plötzlich – ohne dabei ob seiner vorherigen „Unkenntnis“ rot zu werden – holte der Hüter der Schatzkammer einen uralten Schlüssel aus dem Hosensack und öffnete einen Lagerraum im Erdgeschoß des Klosterhofs.

…die Metallbibliothek im Salesianer-Kloster

Wir traten ein ins Dunkel einer lang gestreckten Kammer, dahinter ein zweiter Raum, voll mit Metalltafeln, die an der Wand lehnten. Meterlange Holzregale barsten unter der Last der Holz-, Stein- und Knochenobjekte. Wir waren überwältigt, konnten es nicht fassen. Eine großzügige Spende an den Türhüter und unsere christliche Gesinnung hatte ein Wunder vollbracht. Der Schatz des Padre Crespi hatte sich vor unseren Augen materialisiert: Metallfolien aus Kupfer, Silber und Messing mit rätselhaften Darstellungen, seltsame Holzfiguren und Knochen sonder Zahl – verborgen in einem dunklen Lagerraum. Das war sie nun: die legendäre Metallbibliothek. Der Hüter der Schätze gab uns eine Führung durch seine Wunderkammer. Er war sichtlich stolz, uns Experten sein Wissen als Augenzeuge, der den Padre noch persönlich kannte, zu vermitteln.

Es gab Metallplatten mit Tieren, die auf dem amerikanischen Kontinent nicht vorkommen. Auf anderen Folien sieht man Dinosaurier, die von Menschen am Halsband geführt werden oder halb Mensch, halb Tier-Fabelwesen darstellen. Eine Silbertafel zeigt Sonne, Mond, Schlange, Nashorn und ein Alien-Menschenpaar, vermutlich Mann und Frau, mit Spitzohren wie Mr. Spock aus dem bekannten Science-Fiction-Film. Wenn diese Tafeln wirklich so alt sind, wie Crespi angab, dann sind die Darstellungen eine Sensation. Woher kannten die Indios früherer Kulturen diese Tiere? Sind die Tafeln aber Fälschungen, wie manche meinen, dann hätten die bettelarmen Indios wohl kaum Gold, Silber und Kupfer bearbeitet, sondern billigeres Material verwendet. Woher also stammen die Metallplatten?

Stammt der Schatz aus den Tayoshöhlen?

Crespi soll sie von den Indios teils für wenig Geld gekauft und teils als Geschenk erhalten haben, wenn er sie gegen Krankheiten behandelte, ihre Kinder unterrichtete oder ihre Toten begrub. Die Gegenstände sollen aus den Tayoshöhlen stammen, einem unterirdischen Gang- und Höhlensystem, das östlich von Cuenca beginnt und sich Kilometer lang bis in die Dschungelregion zieht. Von dort holten die Einheimischen die Metallplatten sowie antike Statuen und Gefäße. Die Silber-, Gold- und Kupferfolien sollen Wandverkleidungen in den unterirdischen Höhlentempeln gewesen sein.

Mehrere Expeditionen, darunter eine hochkarätig besetzte mit 100 Teilnehmern, angeführt vom schottischen Forscher Stan Hall und dem Astronauten Neil Armstrong, durchforstete 1976 das Höhlensystem. Doch nichts konnte gefunden werden. Bis heute blieb die Herkunft der Metallplatten unbekannt. Die Indios wussten, dass Crespi an jeglichen alten Gegenständen interessiert war und diese exzessiv sammelte. Vielleicht wollten sie dem verehrten Pater auch eine Freude machen und fertigten so manchen Gegenstand in den 1930er Jahren in gutem Glauben und ohne Betrugsabsicht eigens für ihn an.  

Auch die Schrifttafeln mit den sumerischen und phönizischen Schriftzeichen? Ältere Fotos der Sammlung zeigen nämlich Schrifttafeln mit unbekannten Zeichen und Symbolen sowie Tafeln mit antiken Schriften aus dem Orient. Wo sind diese Tafeln geblieben?

1962 brach Feuer aus im Kloster und zerstörte unwiederbringlich viele Artefakte. Der Großteil der Sammlung wurde jedoch 1982 nach Crespis Tod verkauft. Darunter auch jene höchst interessanten Schrift- und Zeichentafeln. Die wertvollsten Stücke, die Goldtafeln zusammen mit 8.000 Ton-Exponaten der ältesten Kulturen wurden bereits 1980 von der Banco Central in Cuenca um kolportierte 433.000 Dollar angekauft und liegen dort im Tresor, wie wir bereits wussten. Die anderen Kunstobjekte der Sammlung erhielt das Nationalmuseum, das sich redlich um die Konservierung bemüht, was wir ebenfalls bereits sehen konnten.

Die rätselhaften Schrifttafeln, die unbekannten figürlichen Darstellungen und die Riesenknochen hat man an private Sammler verkauft, um mit dem Erlös das Kloster, eine Schule, ein Krankenhaus und ein Jugendzentrum zu bauen. Diese legendäre archäologische Sammlung muss wohl einen ungeheuren Wert gehabt haben, wie man an dem neu erbauten Klosterkomplex sehen kann. Aber wer kann es ihnen verdenken, dass soziale Einrichtungen für die Menschen wichtiger waren, als eine Sammlung von Gegenständen, die nicht nur mysteriöser Herkunft, sondern deren Wert damals sicher auch unbekannt war.

Padre Crespi… Apostel der Armen, Lokalheiliger von Cuenca

Der italienische Salesianer-Pater Carlo Crespi war nicht nur Missionar, sondern auch Lehrer, Wissenschaftler und Forscher. Er war Anthropologe, Botaniker, Künstler, Filmmacher und Musiker. Sein umfangreiches Wissen und seine vielen Talente flossen in seine unglaubliche ethnografische und archäologische Sammlung. Seine Fürsorge jedoch galt den Armen, denen er sein Leben widmete. Bis heute ist Padre Crespi die am meisten verehrte Person, der Lokalheilige von Cuenca. Die Bevölkerung errichtete ihm ein Denkmal auf dem Platz vor seinem Kloster. Was von ihm blieb, ist die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Heiligen, der alles für die Armen gab. Geblieben ist aber auch seine mysteriöse Sammlung, eine unverwüstliche Bibliothek aus Metall, über deren Herkunft noch viele Generationen rätseln werden.

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